Am Grab
Williams. So heißen sie beide. Lange hatte es gedauert bis sie fähig waren, einander in Güte zu treffen.
Drei Jahre ist es nun her. Es war Oktober, als Wolfgang aufhörte zu atmen. Rosa war damals mit ihm verheiratet gewesen, mehr als 20 Jahre.
Maria war die erste Frau Wolfgangs gewesen, auch sie hatte mehr als 20 Jahre als seine Ehefrau gelebt. Der Tod ihres Sohnes Stefan hatte in Maria starke Depressionen ausgelöst, die ihre Beziehung zerrütteten. Damals hatte Wolfgang bei Rosa Trost gefunden und sich schließlich von Maria getrennt. Dies hatte Maria nie verwunden. Die letzten 20 Jahre hatte sie allein verbracht, voll Hass auf Rosa, voll Zorn auf Wolfgang, voll Trauer über Stefans tödlichen Unfall.
Die Gräber der beiden Männer sind nebeneinander angelegt. Am Tag von Wolfgangs Beerdigung war Maria am Grab von Stefan. Fast täglich besuchte sie dieses. Erst so erfuhr sie vom Ableben ihres Exmannes. In Distanz beobachtete sie das Ritual der Verabschiedung. Niemand nahm von ihr Notiz.
In den kommenden Monaten trafen die beiden Frauen immer wieder aufeinander. Die eine am Grab ihres Mannes, die andere am Grab ihres Sohnes. Geflissentlich ignorierten sie einander. Im Laufe der Jahre entstand dennoch so etwas wie „Vertrautheit“ zwischen den beiden, wie ein Brauch, dass die andere auch da sein musste, wenn man selbst kam. War dies nicht der Fall, dachte man darüber nach, was wohl der Grund gewesen wäre.
Es war wieder Oktober, als beide Frauen in Vorbereitung auf Allerheiligen das Grab pflegten. Es war eine Zeit des Nebels, der nassen Kälte, des Windes. Maria lockerte die Erde und setzte Stiefmütterchen. Rosa lockerte die Erde und setzte Kleine Winterlinge. Beide trugen frische, schwarze Erde auf. Rosa ging zum Brunnen, um die frischen Pflanzen anzugießen. Am Rückweg übersah sie einen am Weg liegenden Ast und stolperte. Gequält schrie sie auf. Sie hatte sich den Knöchel verdreht und gebrochen. Ohne viel nachzudenken eilte Maria zu Hilfe. Sie sah, dass sie hier nichts ausrichten konnte und verständigte die Rettung.
Im Frühjahr war der Bruch längst verheilt, wieder Alltag in das Leben der beiden Frauen eingezogen. Nach wie vor gingen sie regelmäßig zu den Gräbern. Ab und zu kam es vor, dass sie sich für eine Ruhepause auf den jeweiligen Grabstein setzten und einige Worte miteinander wechselten.
Diese Gespräche wurden länger und zur Gewohnheit. Sie waren einander nahe, denn sie trugen einen gemeinsamen Reichtum im Herzen – eine Liebe, die sie jahrelang begleitet hatte.
Toskana
Italien. Ich erinnere mich an unsere Zeit in der Toskana.
Hügelige Landschaft, weite Blicke.
Aufsteigender Nebel am Morgen.
Strahlend blauer Himmel.
Kleine Städte und Dörfer, reich an alten Mauern.
Häuser mit kunstvoll gestalteten Fassaden.
Türme von Kirchen, Palästen und Gemeindebauten.
Gutes Essen – reichlich, Wein in Fülle.
Besuch in Museen.
Mosaike auf Kirchenböden.
Lange, schmale, brennende Kerzen.
Fresken an Wänden.
Bilder berühmter und unbekannter Maler.
Eis und Kaffee auf riesigen Plätzen.
Buntes Treiben, Musik auf Straßen.
In schmalen Gässchen Wäscheleinen mit baumelnden Kleidern von Haus zu Haus.
Schafherden mit Hirtenhunden.
Besuch bei Ölbauern, Käseverkostungen.
Sonnenuntergänge hinter Weinbergen.
Reiches Leben, Fülle allüberall.