KURZGEWEBTES

Herbstspaziergang

In einem großen Jutesack sammle ich den Herbst ein. Ich streife durch das raschelnde Laub, zerstreue mit meinen Füßen die gelben, orangen, roten und braunen Blätter. Die braunen rascheln am stärksten, sie sind schon mürbe und zerfallen in viele winzige Teilchen.
Weiter drinnen im Wald erblicke ich Maronibäume, viele ihrer Früchte liegen am Boden und rufen: "Nimm mich mit!"
Doch nicht nur sie wollen mitgenommen werden, auch von den Eicheln packe ich welche ein, um sie and er Futterstellen bei unserem Wildpark abzugeben. Auf der Eiche klopft ein Buntspecht und hofft auf Insektennahrung.
Rundherum nehme ich Vogelgezwitscher wahr, das mich eher an den Frühling erinnert. Es ist viel zu warm, für diese Jahreszeit. So überrascht es mich auch nicht, dass ich zwischen dem Laub auch immer wieder Herbstzeitlosen finde.
Den Geruch des Herbstwaldes mag ich besonders: Es riecht nach Wärme und Geborgenheit, gleichzeitig nach Ende, doch mit der Verheißung auf einen zarten Neubeginn.
Mein Weg führt mich noch tiefer in den Wald. Zwischen Nadelbäumen erspähe ich Reste von Pilzen, wurmig und matschig. Auch sie sind Nahrung, wichtig zur Aufrechterhaltung des Gleichgewichtes im Wald.
Plötzlich stehe ich auf einer Lichtung. Offenbar habe ich ein scheues Reh aufgeschreckt. Es stäubt davon, als es mich wahrnimmt.
Hier können die Sonnenstrahlen noch besser einfallen. Ich genieße ihre Wärme, packe sie zu den Blättern, Maroni, Eicheln und Herbstzeitlosen in den Jutesack. Auch das Vogelgezwitscher und das Klopfen des Spechts lege ich dazu.
Ein Bach mit klarem Wasser säumt den Weg. Nah der Wasseroberfläche bewegt sich eine letzte Libelle mit rotem Leib. Ich liebe dieses Plätschern, wenn der Bach über die Steine springt, und nehme es mit, in meinem Erinnerungssack.
Meine Runde neigt sich dem Ende zu. Vorbei an mächtigen Bäumen windet sich der Weg abwärts. Die Bäume werden weniger, weichen Sträuchern und Büschen. Da und dort geben sie einen Blick auf das umliegende Land mit dem tiefblauen Himmel frei. Auch diese Bilder muss ich speichern und mitnehmen, als Vorrat für den kommenden Winter. In diesem Herbst wird es nicht mehr viele bunte Spaziergänge geben.



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