Grau-so-Grau und Kunterbunt

Ein Märchen

Es war einmal – vor langer, langer Zeit – ein graues Land. Der Boden war steinig, die letzten Föhren standen tief gebeugt, mit vertrockneten Nadeln. Auch der Himmel war stets von grauen Wolken bedeckt. So konnte das Wasser des Meeres kein Blau spiegeln und lag ebenso grau und bewegungslos da.

Hoch auf den Klippen thronte das Schloss, in dem die Königsfamilie mit ihrem Hofstaat und dem Papagei der Prinzessin wohnte.

Jeden Tag machte die Königstochter einen Spaziergang am steinigen Strand. Ihr bunter Papagei begleitete sie. Er saß auf ihrer Schulter und rief zwischendurch immer wieder: „Schau, schau! Das Meer – so grau! Schau, schau! Der Himmel – so grau! Schau, schau! So grau, so grau!“ Die Prinzessin pflegte dann zu lachen und meinte: „Ja, ja, mein Lieber! So ist das eben. Farben gibt es nur für Vögel, wie du einer bist.“

Manchmal begegnete sie Fischern, die mit ihren grauen Booten graue Fische an Land brachten und ihre Ware an die Bewohner des Dorfes verkauften – die einzige Nahrung, die es hier gab.

Das Leben am Schloss war königlich zwar, aber etwas langweilig: Aufstehen, frisiert und angezogen werden, frühstücken, spazieren gehen, Mittagessen, lesen-sticken-tanzen, Abendessen, gebadet werden, schlafen gehen. Aber die Königstochter kannte es nicht anders und so war sie zufrieden.

Als sie eines Morgens wieder am Strand wandelte, glaubte sie ihren Augen nicht zu trauen. Am Ende des Strandes ritt auf einem braunen Pferd eine bunte Gestalt in ihre Richtung. „Um Himmels willen!“ dachte sie. „Ich wusste gar nicht, dass Papageien so groß werden können!“ Doch je näher das Pferd kam, umso deutlicher wurde, dass der Reiter kein Papagei, sondern eine menschenähnliche Gestalt zu sein schien. Erhaben saß der Mann auf seinem Pferd. Er trug ein rotes Jackett und dazu rot-schwarz gemusterte Hosen. Um seinen Hals lag ein Schal, der Farben hatte, die die Prinzessin noch nie gesehen hatte und um die ihn der Papagei beneidete. Um den Hals des Pferdes war eine Blumenkette geschlungen. Atemlos hielt die Königstochter inne, als der Reiter vor ihr anhielt. „Schau, schau! Nicht grau! Schau, schau!“, krächzte der Papagei. Der Reiter lachte laut auf und grüßte: „Guten Morgen, schönes Königskind! Darf ich mich vorstellen: Ich bin Prinz Leander, vom Königreich „Kunterbunt“. Wohin bin ich geraten?“ „Guten Morgen!“, entgegnete die Prinzessin, der bei der Stimme und den Worten des Prinzessen ganz warum ums Herz geworden war. „Ich bin Prinzessin Nesrin. Du bist ins Königreich „Grau-so-Grau“ gekommen. – Wie kann es sein, dass es auch Menschen gibt, die bunt sind? Ich dachte, das wäre ein Privileg der Vögel!“ Und wieder lachte der Prinz sein glockenhelles Lachen. „Die gleiche Frage könnte ich auch umgekehrt auch stellen! Wie kann es sein, dass es ein Königreich ohne Farben gibt?“ „Schau, schau! So grau – nicht grau! Schau, schau!“ krächzte der Papagei und wandte sein Köpfchen von der Prinzessin zum Prinzen und umgekehrt. „Schau, schau!“, rief er nochmals, sichtlich verwirrt. „Darf ich dich zu einer Mahlzeit bei uns am Schloss einladen, Leander? Du wirst ja sicher hungrig sein!“, fragte Nesrin. Gerne kam Leander mit.

Als sie bei Tisch saßen, wunderte er sich über die eigenartige Mahlzeit. Seine königliche Familie wohnte nicht am Meer und kannte keine Fische. „Wir essen blaue Weintrauben, Orangen, gelbe Zitrusfrüchte, grüne Bohnen und Erbsen, rote Äpfel, braune Kartoffeln – einfach buntes Obst, Getreide, Gemüse!“, berichtete er. Da wurde die Königsfamilie des Landes „Grau-so-Grau“ neugierig und nahm die Einladung des Prinzen zu einem Besuch gerne an. Die Koffer wurden gepackt, die Kutschen gerichtet, der goldene Käfig des Papageis poliert und alle brachen in das Land „Kunterbunt“ auf.

Überrascht, fasziniert und etwas verunsichert betrachteten sie die Schönheit des Landes. Hier gab es Blüten in Hülle und Fülle, der Himmel war blau, die Sonne glänzte golden und die Menschen hatten stets ein frohes Lächeln im Gesicht. Nesrin fühlte sich mehr und mehr zu Leander hingezogen – sie konnte sich ein Leben in ihrer grauen Heimat nicht mehr vorstellen. Leander wollte Nesrin auch in seiner Nähe haben und so hatten die Eltern der jungen Leute nichts gegen eine Hochzeit einzuwenden.

Das Fest wurde  vorbereitet, der Hofstaat aus dem Land „Kunterbunt“ half bei den Vorbereitungen im Land „Grau-so-Grau“ und brachte bei jedem Besuch ein kleines Stückchen Bunt mit.

So verwandelte sich das Land „Grau-so-Grau“ immer mehr in ein buntes Land. Die Muscheln begannen Farbe anzunehmen, die Seesterne wurden rot, die Fische verfärbten sich in Regenbogenfarben, die dunklen Wolken rutschten zur Seite, so dass das Meer ein Stückchen Blau spiegeln konnte. Dicke, schwere Wolken entluden sich, schickten Wasser zur Erde  und endlich konnten die Föhren ihr Grün wieder annehmen und sich aufrichten. Die Erde wurde animiert Pflanzen hervorzubringen. Männer und Frauen des Königreichs wandten ihre Gesichter der bisher unbekannten Sonne zu, die ihnen ein Lächeln in ihre Gesichter zauberte.

Nesrin und Leander waren ein glückliches Paar in einem schönen, bunten Land ohne Langeweile. „Schau, schau! Mann – Frau! Nicht grau! Schau, schau!“, jublierte der Papagei, der nun endlich auch einen Namen erhielt. Sie lebten ein frohes, buntes Leben bis an ihr Ende.

16.4.2016

 

 

 

 

2 Gedanken zu “Grau-so-Grau und Kunterbunt

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