Erinnerung

img_2582

Ich erinnere mich an einen großen Garten, der zum Haus meiner Kindheit gehörte – viele Blumenbeete, Sträucher, Apfel- und Zwetschkenbäume,. Hortensien und eine wunderschöne Birke.

Ich erinnere mich an den Sommer 1966, den ich mit meinem Urgroßvater in einem Heupferdchenreitstall verbrachte – am letzten Ferientag traten wir in einem Zirkus auf und badeten im Applaus des Publikums.

Ich erinnere mich an Ausflüge auf den Hochkönig, an die Bergspitzen, Latschen und Wiesen – an den unvergleichlichen Geruch der Almen.

Ich erinnere mich an eine Reise im Raumschiff, vorbei an tausenden leuchtender Sterne zum Blutmond im September.

Ich erinnere mich an meinen Physiklehrer, den ich zwar mochte, mich von ihm aber nicht prüfen lassen wollte, weil mich der Stoff nicht interessierte – kurzerhand erklärte ich ihm, dass ich nicht anwesend sei – nachdem er uns nicht beim Namen kannte, fiel es ihm nicht auf.

Ich erinnere mich an einen Sommer in Nizza, an dem ich mit Kaleidoskopaugen die Unterwasserwelt erforschte und im Anschluss daran alle Straßenbahnhaltestellen Wiens in Aquarien umstrukturierte.

Ich erinnere mich an meine Freundin Vera, mit der ich nach einem Diskobesuch den letzten Schilling auf einem Hutschpferd verprasste.

Ich erinnere mich an einen Maiabend 1974, an dem ich mit Egon Schiele in einem Nachtclub auf dem Tisch tanzte.

Ich erinnere mich an viele Autofahrten mit meinem Vater – wenn wir nach einer Überstellung mit dem Zug zurück fuhren, schlief er sofort nach der Abfahrt ein.

Ich erinnere mich an Thomas Bernhard, der mich in einem Kulturjournal über Osterbräuche in Serbien interviewte – das Studio war vollgefüllt mit bunten Eiern und quiekenden Küken.

 

(Idee: Michael Stavaric, Schreibwerkstatt im Literaturhaus Mattersburg, 10.9.2016)